US-Rückzug: Was die NATO alles nicht mehr kann

Inzwischen ist es wahr geworden: Die USA haben in nennenswerter Menge militärische Ausrüstung aus Europa abgezogen oder aus den Listen der für die NATO verfügbaren Einsatzmittel gestrichen. Ersatz zu finden ist alles andere als leicht.

Die Vereinigten Staaten machen ihre Ankündigung war und fahren ihre Beteiligung an der NATO zurück. Konkret heißt das: Die Hälfte der Flugzeugträgergruppen, der Kreuzer- und Zerstörerverbände, der Langstreckenbomberverbände und der Reaper-Drohnen wird abgezogen, alle U-Boote, die Marschflugkörper starten können, ebenso wie alle Langstreckenaufklärungsdrohnen, 42 Prozent der Seefernaufklärer, 36 Prozent der F-16, 33 Prozent der F-156E und 20 Prozent der Tankflugzeuge verschwinden bzw. können nicht mehr Teil der NATO-Einsatzplanungen sein.

Das berichtet die FAZ, und selbst diese Zeitung sieht, trotz ihres (übertriebenen) Optimismus darin ein echtes Problem. Denn zwei der Waffengruppen betreffen den nuklearen Schirm, der den europäischen NATO-Mitgliedern so wichtig ist: Langstreckenbomber hat kein einziges europäisches NATO-Mitgliedsland, und auch bei U-Booten, die eventuell nukleare Marschflugkörper abfeuern könnten, sieht es mau aus.

Deutschland hat zwar mehrfach U-Boote gebaut, die für den Einsatz von Atomwaffen gedacht sind, allerdings nur für Israel. Die deutschen richten sich konventionell gegen Seeziele. Die britischen U-Boote nutzen (atomar nutzbare) Tomahawk-Raketen, aber von den sechs vorhandenen U-Booten der Astute-Klasse ist aktuell kein einziges einsatzfähig, fünf müssen gewartet oder modernisiert werden und das sechste ist noch nicht zertifiziert.

Mit den beiden britischen Flugzeugträgern, die nach Ansicht der FAZ an die Stelle der abgezogenen US-Schiffe treten könnten, sieht es nicht besser aus. Die HMS Queen Elisabeth ist wieder einmal in Reparatur, und die HMS Prince of Wales liegt wegen eines technischen Defekts in Norwegen fest. Die beiden könnten zwar theoretisch je 40 Flugzeuge oder Hubschrauber aufnehmen, dafür müssten sie aber fahrbereit sein. Praktischerweise sind aber auch noch die britischen Werften überlastet, so dass sich nicht einmal einschätzen lässt, wann diese Schiffe wiederhergestellt sind.

Bleibt noch die französische Charles de Gaulle, die tatsächlich einsatzfähig und aktuell samt Begleitgruppe im südlichen Roten Meer unterwegs ist. Dieser atomgetriebene Flugzeugträger hat ein Katapult-Startsystem und kann daher, anders als die britischen, schwere Kampfflugzeuge starten lassen.

Die etwa fünfzig Kampfflugzeuge, die die USA bereits abgezogen haben, stellen nach Ansicht der FAZ kein Problem dar: "Sie können durch modernere F-35 ersetzt werden, die von vielen Verbündeten bestellt worden sind und teilweise schon ausgeliefert wurden."

Allerdings – nach einem Bericht des US-Rechnungshofes vor dem Kongress lag der Anteil der voll einsatzbereiten F-35 2025 nur bei 25 Prozent, weitere 44 Prozent waren bedingt einsatzbereit. Dafür wurden vor allem zwei Gründe genannt: Ersatzteilmangel, weil die Industrie die Komponenten nicht liefern kann; und hoher Wartungsaufwand, insbesondere, wenn über dem Meer geflogen wird. Also selbst wenn die bestellten F-35 irgendwann geliefert werden, heißt das noch nicht, dass sie auch tatsächlich fliegen.

Die Tankflugzeuge, Seefernaufklärer und Aufklärungsdrohnen seien ebenfalls kein Problem, so die FAZ. "Die sind auf dem Markt verfügbar, und an Geld mangelt es Staaten wie Deutschland nicht."

Damit sei die Liste aber noch nicht am Ende:

"In den nächsten Jahren werden die Europäer auch Lücken bei den Landstreitkräften schließen müssen. Auf mittlere Sicht wird es gewiss nicht dabei bleiben, dass mehr als 80.000 US-Soldaten in Deutschland stationiert sind."

Wie mittel die Sicht letztlich ist, ist noch unklar. Der Abzug der bereits abgezogenen Waffengruppen erfolgte ohne weitere Ankündigung; einzig die Aussage von Februar 2025, die Europäer müssten künftig für sich selbst sorgen, war zuvor bekannt. "Für die Europäer gab es nichts mehr zu verhandeln, sie bekamen auch keine Übergangsfristen gewährt", so die FAZ. Es ist mitnichten garantiert, dass beim Bodenpersonal anders vorgegangen wird.

Die Lösung für die Lücke, die die Tomahawk-Raketen der U-Boote hinterlassen, sieht der FAZ-Autor in der ukrainischen "Flamingo". Sollte allerdings die These stimmen, dass es sich dabei in Wirklichkeit um eine britische Lenkrakete mit einem ukrainischen Etikett handelt, ist im Grunde bereits klar, dass dieses Produkt in den anderen NATO-Ländern nicht durchsetzbar sein wird – schließlich haben auch Frankreich und Deutschland Raketenhersteller mit eigenen Interessen. Wie heikel Kooperationen selbst innerhalb der EU sind, zeigte jüngst das Scheitern des deutsch-französischen Kampffliegerprojekts FCAS.

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