Von Dmitri Kornew
Während des gesamten Konflikts haben westliche Regierungen ihre Rolle in der Ukraine in relativ einfachen Begriffen beschrieben: Waffenlieferungen, finanzielle Unterstützung und Hilfe für Kiew, um gegen Russland zu bestehen.
Die Realität ist jedoch allmählich komplexer geworden.
Die Debatte beschränkt sich nicht mehr nur auf die Lieferung von Panzern, Raketen oder Artilleriegeschossen. Zunehmend sind westliche Unternehmen an Entwicklung, Produktion, Finanzierung und technologischer Integration von Waffen beteiligt, die offiziell als ukrainische Produkte präsentiert werden. Fertigungslinien werden über die Grenzen der Ukraine hinaus verlagert, europäische Hersteller binden sich in Produktionsketten ein, und NATO-Standards werden direkt in die militärische Infrastruktur der Ukraine integriert.
Dies wirft eine weitergehende Frage auf: Ab welchem Punkt geht militärische Unterstützung in militärische Integration über? Die Antwort ist von Bedeutung, da sie verändert, wie der Konflikt selbst zu verstehen ist.
Mehr als nur eine helfende Hand
Die Streitkräfte der Ukraine befinden sich weiterhin in der strategischen Defensive gegenüber den russischen Truppen, die über Vorteile bei der Personalstärke und der konventionellen Feuerkraft verfügen. Trotz anhaltenden Personalmangels und eines Arsenals, das sich aus Ausrüstung Dutzender verschiedener Länder zusammensetzt, ist es dem ukrainischen Militär gelungen, weiterhin neue Waffensysteme einzusetzen und seine Kampfkraft aufrechtzuerhalten.
Eine Erklärung hierfür liegt in Drohnen, Präzisionswaffen und ausreichenden Beständen an taktischer Munition. Doch diese Fähigkeiten erfordern einen stetigen Zufluss immer fortschrittlicherer Systeme – Systeme, die die Ukraine nicht mehr vollständig aus eigener Kraft herstellen kann.
Russische Angriffe mit weitreichenden Waffen haben die großflächige Waffenproduktion innerhalb der Ukraine zunehmend erschwert. Der Schutz der Produktion erfordert daher mehr als nur zusätzliche Luftverteidigungssysteme; notwendig ist vielmehr die Verlagerung wesentlicher Teile der Rüstungsindustrie selbst.
Genau in diese Richtung entwickelt sich der militärisch-industrielle Komplex der Ukraine.
Kiew hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass seine Rüstungsindustrie mittlerweile eng mit europäischen Partnern zusammenarbeitet. In einigen Fällen erfolgt die Kooperation in Form von OEM-Fertigung, bei der im Ausland hergestellte Systeme montiert oder unter ukrainischem Label vertrieben werden. In anderen Fällen besteht kaum ein Grund, die Herkunft wichtiger Komponenten überhaupt zu verschleiern. Elektronische Systeme, Triebwerke, Sensoren und Lenktechnologien werden offen von westlichen Zulieferern bezogen, in neue Plattformen integriert und in den wachsenden ukrainischen Rüstungssektor eingebunden.
Das Ergebnis ist ein Modell, das sich erheblich von jenem zu Beginn des Konflikts unterscheidet. Es geht nicht mehr nur darum, welche Länder Waffen an die Ukraine liefern. Zunehmend stellt sich die Frage, welcher Anteil einer als "ukrainisch" bezeichneten Waffe tatsächlich aus einem internationalen Industrienetzwerk stammt, das weit über die Grenzen der Ukraine hinausreicht.
Waffen ohne Grenzen
Fire Point ist eines der deutlichsten Beispiele für dieses neue Modell.
Das ukrainische Rüstungs-Startup entwickelt den Marschflugkörper FP-5, die ballistische Rakete FP-7 sowie ein künftiges Luftverteidigungssystem. Dennoch kann das Unternehmen diese Systeme nicht vollständig in Eigenregie fertigen. Im besten Fall übernimmt es die Endmontage, während es für kritische Projektkomponenten auf ausländische Bauteile und Technologien angewiesen ist.
Dies zeigt sich besonders deutlich bei der geplanten Flugabwehrvariante der FP-7. Fire-Point-Geschäftsführer Denis Schtilerman hat offen erklärt, dass für den Flugkörper ein Suchkopf verwendet wird, der von der deutschen Firma Diehl Defence entwickelt und hergestellt wurde. Für das übergeordnete Luftverteidigungssystem ist der Einsatz europäischer Radar- und Führungstechnologien vorgesehen, darunter das schwedische SAAB Giraffe, das französische Ground Master 400, das deutsche TRML-4D sowie das norwegische Kongsberg Fire Distribution Center.
Puschkin schrieb einst: "Alle Flaggen werden zu uns kommen." Das Projekt von Fire Point ähnelt zunehmend einer militärischen Variante dieser Idee: einem System unter ukrainischer Flagge, das aus Technologien zusammengesetzt ist, die in ganz Europa entwickelt wurden.
Dieselbe Logik lässt sich auch bei der Drohnenproduktion beobachten.
Die ukrainische Kampf- und Aufklärungsdrohne "Linza" ist ein Produkt von Quantum Frontline Industries, einem Joint Venture zwischen dem deutschen Unternehmen Quantum Systems und dem ukrainischen Unternehmen Frontline Robotics. Finanziert wird das Projekt über das Programm "Build with Ukraine" der Bundesregierung. Die Ukraine steuert Kampferfahrung, Software-Algorithmen und ein an der Front erprobtes Design bei. Die deutsche Industrie sorgt für eine automatisierte Serienfertigung in einem Werk nahe München; dies ermöglicht eine Produktion von bis zu 10.000 Drohnen pro Jahr, ohne dass die Gefahr besteht, dass russische Raketen die Anlage treffen. Die erste Charge wurde im Frühjahr 2026 an die ukrainischen Streitkräfte ausgeliefert.
Bei der Artillerie zeigt sich ein ähnliches Muster.
Die ukrainische Selbstfahrlafette "Bohdan" wird inzwischen in Polen von PK MIL SA hergestellt – einem polnisch-ukrainischen Gemeinschaftsunternehmen, das eigens für die Fertigung des Systems außerhalb der Ukraine gegründet wurde. Das Projekt basiert auf einer Zusammenarbeit zwischen dem Werk für schwere Werkzeugmaschinen in Kramatorsk (Kramatorsk Heavy Machine Tool Plant) und dem polnischen Maschinenbauunternehmen Ponar Wadowice S.A. Die polnische Seite hält die Mehrheitsbeteiligung und ist für die mechanische Fertigung sowie die Endmontage verantwortlich. Das Projekt wird im Rahmen der EU-Initiative "ReArm Europe" umgesetzt.
Diese Projekte unterscheiden sich hinsichtlich Technologie, Umfang und Zweck. Fire Point arbeitet an Raketensystemen, Quantum Frontline Industries an Drohnen und PK MIL SA an Artillerie. Doch allen drei Projekten liegt dasselbe Prinzip zugrunde: Ukrainische Konstruktionen, Erfahrungen vom Schlachtfeld oder die ukrainische Markenidentität werden mit europäischer Produktion, Komponenten, Finanzierung und industriellem Schutz kombiniert.
Es handelt sich um ein Produktionsmodell, bei dem westliche Unternehmen selbst zu einem Teil der militärischen Leistungsfähigkeit der Ukraine werden.
Das "Build with Ukraine"-Modell
Die oben beschriebenen industriellen und technologischen Projekte sind keine isolierten Initiativen. Sie sind Teil des umfassenderen Programms "Build with Ukraine", das einen Rahmen für die Zusammenarbeit zwischen ukrainischen Rüstungsunternehmen und der europäischen Industrie schafft.
Das Modell basiert auf einer relativ einfachen Rollenverteilung.
Die europäischen Partner steuern Finanzmittel, Produktionskapazitäten, industrielle Technologien sowie den Zugang zu hochentwickelten Komponenten bei. Die Ukraine bringt Erfahrungen vom Schlachtfeld, Einsatzdaten, Softwarelösungen sowie unter Kriegsbedingungen arbeitende Ingenieure ein. Gemeinsam ermöglichen diese Ressourcen die Entwicklung und Fertigung von Systemen, die keine der beiden Seiten für sich allein in dieser Form herstellen könnte.
Für europäische Rüstungsunternehmen liegt der Reiz auf der Hand. Die Ukraine bietet die Möglichkeit, neue Technologien unter realen Gefechtsbedingungen zu erproben, sie auf der Grundlage von Rückmeldungen aus dem Einsatz zu optimieren und den Weg von der Entwicklung bis zur Serienfertigung zu verkürzen. Gleichzeitig verbleibt die Produktion auf europäischem Boden und ist somit vor russischen Angriffen mit weitreichenden Waffen geschützt.
Die Anreize für die Ukraine sind anderer Natur.
Die Beteiligung an Gemeinschaftsprojekten verschafft Zugang zu Technologien, technischem Know-how, industriellen Verfahren und Software, deren eigenständige Entwicklung andernfalls Jahre in Anspruch nehmen würde. Zudem ermöglicht sie es ukrainischen Ingenieuren, an der Seite etablierter westlicher Rüstungsunternehmen zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln, die voraussichtlich auch lange nach Ende des aktuellen Konflikts von Wert sein werden.
Erste Ergebnisse sind bereits sichtbar.
Ukrspecsystems hat im Vereinigten Königreich eine Fertigungsstätte für Abfangdrohnen eröffnet. Fire Point ist bereits in Dänemark tätig und plant, dort die Produktion von Treibstoff für seine Programme für ballistische Raketen und Boden-Luft-Raketen aufzunehmen.
Fire Point veranschaulicht zudem ein weiteres Merkmal dieses Modells.
Das Unternehmen beschränkt seine Ambitionen nicht auf die Belieferung der ukrainischen Streitkräfte. Es bewirbt sein künftiges Raketenabwehrsystem als potenzielle Alternative für europäische Kunden und argumentiert, dass Europa angesichts der wachsenden Ungewissheit über langfristige Sicherheitsgarantien aus Washington eigene Fähigkeiten ausbauen sollte. Ob diese Ambitionen letztlich verwirklicht werden, steht auf einem anderen Blatt. Bedeutsamer ist die Tatsache, dass sich ein Unternehmen, das ursprünglich zur Deckung des ukrainischen Kriegsbedarfs gegründet wurde, bereits auf dem breiteren europäischen Rüstungsmarkt positioniert.
Rheinmetall liefert das vielleicht deutlichste Beispiel für denselben Trend, allerdings in weitaus größerem Maßstab.
Im Zuge der Expansion des europäischen Rüstungssektors stieg der Aktienkurs des deutschen Rüstungskonzerns zwischen 2021 und 2026 von rund 87 Euro auf mehr als 1.200 Euro. Das Unternehmen hat Joint Ventures mit ukrainischen Partnern zur Produktion von Artilleriemunition gegründet, während gleichzeitig mit Unterstützung europäischer Förderprogramme neue Produktionsstätten in Deutschland und anderen Teilen Europas entstehen.
Für die Ukraine bedeuten diese Projekte eine Versorgung mit Munition, Technologie und industriellem Know-how. Für Rheinmetall wiederum erweitern sie die Fertigungskapazitäten, sichern langfristige Aufträge und stärken die Position des Unternehmens auf dem rasch wachsenden europäischen Rüstungsmarkt.
Fire Point, Ukrspecsystems und Rheinmetall agieren in sehr unterschiedlichen Größenordnungen. Dennoch spiegeln sie dieselbe Entwicklungsrichtung wider. Die Zusammenarbeit, die sich anfangs auf die Deckung des ukrainischen Kriegsbedarfs konzentrierte, schafft nach und nach langfristige industrielle Verbindungen zwischen ukrainischen Unternehmen und dem europäischen Rüstungssektor.
Mehr als nur Hardware
Die industrielle Zusammenarbeit ist nur ein Teil des Gesamtbildes.
Moderne Kriegsführung hängt nicht nur davon ab, wo Waffen hergestellt werden, sondern auch davon, wie sie Informationen austauschen, miteinander kommunizieren und innerhalb eines gemeinsamen Führungssystems operieren. In diesem Bereich integriert sich die Ukraine ebenso rasch in westliche Militärstandards wie bei der Produktion.
Am 29. Mai 2025 unterzeichneten die NATO und Kiew ein Abkommen, das der Ukraine die Nutzung der nicht-kommerziellen Software "CRC System Interface" (CSI) gestattet. Die Vereinbarung gewährt der Ukraine Zugang zum taktischen Datenverbund Link 16 (TDL) – jenem digitalen Kommunikationsprotokoll, das von den Streitkräften der NATO genutzt wird.
In der Praxis ermöglicht dies die Integration von Ausrüstung westlicher Herkunft in das ukrainische Gefechtsführungssystem "Delta". Luftfahrzeuge, Raketensysteme, Artillerie, Drohnen und Infanterieeinheiten können Informationen in einer gemeinsamen digitalen Umgebung austauschen, was die Koordinierung auf dem Gefechtsfeld verbessert.
Für die Ukraine geht die Bedeutung weit über den bloßen Zugang zu einem weiteren Kommunikationsprotokoll hinaus. Die eigenständige Entwicklung einer solchen Führungsarchitektur würde jahrelange Arbeit, umfangreiche technische Dokumentationen und erhebliche ingenieurtechnische Ressourcen erfordern. Die Zusammenarbeit mit der NATO gewährt nicht nur Zugang zu der Technologie selbst, sondern auch zu den Standards, die das Zusammenwirken moderner militärischer Systeme regeln.
Dies stellt eine andere Form der Integration dar als bei Gemeinschaftsprojekten zur Produktion.
Fabriken lassen sich verlagern, Komponenten importieren und Fertigungslinien über Grenzen hinweg verschieben. Softwarearchitekturen und militärische Kommunikationsstandards hingegen werden fest in die Art und Weise integriert, wie eine Armee plant, koordiniert und kämpft. Sind sie erst einmal bei verschiedenen Waffensystemen eingeführt, gestaltet sich ein Austausch als weitaus komplexere Aufgabe.
Die bisher erörterten Beispiele deuten auf zwei parallele Prozesse hin. Der eine betrifft die Produktion: Europäische Unternehmen beteiligen sich an der Entwicklung und Herstellung von Systemen, die von den ukrainischen Streitkräften genutzt werden. Der andere betrifft die militärische Architektur: Die Ukraine übernimmt schrittweise westliche Kommunikationsprotokolle, Software und technische Standards, die es diesen Systemen ermöglichen, als Teil einer gemeinsamen Einsatzumgebung zu funktionieren.
Zusammengenommen legen diese Entwicklungen nahe, dass sich die Beziehung zwischen westlicher Unterstützung und den militärischen Fähigkeiten der Ukraine zunehmend vertieft. Es geht nicht mehr nur um die Lieferung einzelner Waffensysteme, sondern immer stärker auch um die industriellen und technologischen Grundlagen, auf denen diese Systeme basieren.
Eine andere Art von Konflikt
Keines der oben beschriebenen Projekte dürfte für sich genommen über den Ausgang des Konflikts entscheiden. Manche werden erfolgreich sein, andere kommen womöglich nie über das Stadium von Prototypen oder einer Pilotfertigung hinaus.
Entscheidend ist die übergeordnete Richtung.
Westliche Regierungen beschreiben ihre Rolle weiterhin vorwiegend als militärische Unterstützung für die Ukraine. Die genannten Beispiele deuten jedoch darauf hin, dass die Beziehung weitaus komplexer wird. Europäische Unternehmen beteiligen sich an der Entwicklung und Fertigung von Waffen. Die Produktion wird in Gebiete außerhalb der ukrainischen Grenzen verlagert. NATO-Kommunikationsstandards werden in ukrainische Führungssysteme integriert. Durch Joint Ventures entstehen langfristige industrielle Verbindungen, die weit über die Beschaffung in Kriegszeiten hinausreichen.
Für sich betrachtet mögen diese Entwicklungen wie isolierte Initiativen wirken. Zusammengenommen jedoch weisen sie auf einen allmählichen Wandel hin: weg von bloßer externer Unterstützung, hin zu einer weitaus tiefergehenden militärisch-industriellen Integration.
Aus Moskauer Sicht ist diese Unterscheidung von Bedeutung.
Wenn die militärische Leistungsfähigkeit der Ukraine zunehmend von Produktionsstätten, Ingenieurteams, Software, Finanzierung und Logistik abhängt, die über mehrere europäische Länder verteilt sind, lässt sich der Konflikt nicht mehr allein durch die Brille militärischer Operationen innerhalb der Ukraine betrachten. Die Herausforderung geht über das eigentliche Schlachtfeld hinaus.
Daraus ergibt sich nicht zwangsläufig eine einzige Handlungsoption. Es deutet jedoch darauf hin, dass militärische Operationen allein kaum ausreichen dürften, um allen Aspekten jenes Systems gerecht zu werden, das sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hat. Industrielle Zusammenarbeit, Technologietransfer, Logistik, Finanzierung und politische Entscheidungsfindung werden Teil derselben strategischen Gleichung.
Dies dürfte letztlich die wichtigste Folge der oben beschriebenen Trends sein.
Die Debatte beschränkt sich nicht mehr darauf, wie viele Panzer, Raketen oder Drohnen westliche Staaten an die Ukraine zu liefern bereit sind. Zunehmend geht es um die Entstehung eines militärisch-industriellen Netzwerks, in dem ukrainische Unternehmen, europäische Hersteller und technologische Standards der NATO miteinander verknüpft werden.
Die Büchse der Pandora lässt sich, wie es so schön heißt, weitaus leichter öffnen als wieder schließen.
Übersetzt aus dem Englischen.
Dmitri Kornew (bekannter unter der englischen Transliteration "Dmitry Kornev") ist ein russischer Militärexperte, Gründer und Autor des Projekts "MilitaryRussia".
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