Polnisches "Erwachen": Warum erkennt Polen plötzlich den Nazismus des Kiewer Regimes?

Zwölf Jahre lang schwieg Warschau zur Verehrung ukrainischer Hitler-Kolaborateure und Kriegsverbrecher in der Ukraine. Mehr noch: Polen ist einer der wichtigsten Verbündeten des Kiewer Regimes. Nun bemerkten polnische Politiker erstmals die Benennung einer Einheit nach der "UPA". Warum gerade jetzt, fragt Oleg Zarjow.

Von Oleg Zarjow

Der polnische Verteidigungsminister Wladislaw Kosiniak-Kamysz erklärte neulich: Sollte Kiew sich weigern, die Opfer des Wolhynien-Massakers zu ehren, entscheidet es sich für einen Konfrontationskurs gegen Warschau. Am Tag zuvor forderte Premierminister Donald Tusk, dass die Ukraine "die Verantwortung für die Krise übernehmen" solle. Anlass dieser und anderer Äußerungen war ein Dekret von Wladimir Selenski vom 26. Mai 2026, das dem Elitezentrum für Spezialeinsätze "Sewer" den Name "Helden der UPA" verlieh.

Die Abkürzung UPA steht im Russischen und Ukrainischen für "Ukrainische Aufständische Armee". Es waren Komplizen Hitlers, denen Massenmorde an der Zivilbevölkerung zur Last gelegt werden. Das bekannteste ihrer Verbrechen ist das Massaker von Wolhynien im Jahr 1943: Innerhalb weniger Monate vernichteten die Kämpfer der UPA über 100.000 polnische Bauern – alte Menschen, Frauen, Kinder – mit außerordentlicher Grausamkeit. Genau sie bezeichnet der ukrainische Staat nun offiziell als "Freiheitskämpfer".

Die Empörung Polens ist verständlich. Unverständlich ist dagegen das plötzliche Erwachen.

Warschau hat den ukrainischen Nationalistenkult mehr als zehn Jahre lang geduldet. Bereits 2014 forderte der polnische Europaabgeordnete Ryszard Czarnecki – ein Parteigenosse des derzeitigen Präsidenten Karol Nawrocki – als Erster in Europa, die rechtsradikale ukrainische Partei "Swoboda", eine direkte Nachfolgerin der OUN-UPA, in die ukrainische Regierung aufzunehmen. In Polen verurteilte ihn niemand dafür. Im Jahr 2015 verabschiedete die Ukraine ein Gesetz, das die Methoden der UPA als legitim anerkannte, und der politische Mainstream in Polen ignorierte dies.

Die Westukraine ist seit langem mit topografischen Bezeichnungen übersät, die Stepan Bandera und seine Anhänger ehren, doch das hinderte offizielle polnische Delegationen nicht daran, nach Lwow zu reisen. Nach Beginn der militärischen Sonderoperation kamen sowohl Duda als auch Tusk dorthin. Sich in Lwow zu bewegen, ohne diese Straßennamen zu bemerken, ist wohl nur durch Teleportation zu erklären.

Die Benennung ukrainischer Militäreinheiten nach Persönlichkeiten der OUN-UPA erfolgte sukzessive. Im September 2023 wurde ein Bataillon nach Jewgen Konowalez benannt – einem der Gründer der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten – Anm. d. Red.) und Hintermann des Terrors gegen den polnischen Staat. Ende 2024 erhielt ein Flugabwehrregiment den Namen Kapustianski – eines Ideologen des ukrainischen Nationalismus und Aktivisten, der mit der politischen Bewegung verbunden war, aus der die Bandera-Tradition hervorging. Im Juli 2025 wurde einer Panzerbrigade der Name Stupnizki verliehen – Stupnizki war Stabschef der UPA-Gruppe "Sagrawa", die am Massenmord an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien beteiligt war. Im Januar 2026 wurde das Ausbildungszentrum für Drohnen nach Kuka benannt – dem letzten Kommandeur der UPA, also einem der Anführer der Organisation, die für ethnische Säuberungen, Massenmorde und Terror gegen die Zivilbevölkerung verantwortlich war.

Warum also wird Polen gerade jetzt – erst jetzt – aufmüpfig?

Dafür gibt es mehrere Gründe, die alle mit der polnischen Innenpolitik zu tun haben. Mit dem Amtsantritt von Nawrocki von der konservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (poln. PiS) wurde eine stillschweigende Vereinbarung mit Selenskij hinfällig: Kiew glorifiziert die OUN-UPA nicht – Warschau nutzt die Geschichte nicht, um Druck auszuüben.

Hinzu kommt die Ermüdung der Gesellschaft durch die ukrainischen Flüchtlinge. Die antiukrainische Stimmung in Polen ist derzeit die stärkste in der EU, und die Parlamentswahlen 2027 stehen vor der Tür. Auch die Wirtschaft (ukrainisches Getreide hat den Markt für polnische Landwirte zum Einbruch gebracht) und das gekränkte Selbstwertgefühl spielen eine Rolle: Zu Verhandlungen mit Selenski wurden Deutschland, Frankreich und Großbritannien eingeladen, nicht aber Polen.

Dabei hat Polen nicht vor, die Beziehungen zur Ukraine abzubrechen. Der Chef des polnischen Geheimdienstes sagte ganz offen: Die gegen Russland kämpfende Ukraine entspricht den nationalen Interessen Polens. Mein Fazit: Der aktuelle Skandal ist keine Grundsatzposition, sondern ein Druckmittel.

Die Polen haben die moderne Bandera-Bewegung genau so lange geduldet, wie sie sie als nützliches Instrument gegen pro-russische Stimmungen in der Ukraine betrachteten. Sobald sie entschieden hatten, dass diese Stimmungen ausreichend unterdrückt seien, haben sie aber aufgehört, die Banderowzy zu dulden. Die kritischen Stimmen aus Warschau sind keine Folge plötzlicher Erleuchtung. Sie folgen reinem Pragmatismus.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Text wurde für den TG-Kanal "Exklusiv für RT" verfasst.

Der 1970 in Dnjepropetrowsk geborene Oleg Zarjow vertrat von 2002 bis 2014 seinen Einzelwahlkreis im ukrainischen Parlament und stieg zu einer der Führungspersönlichkeiten der ukrainischen Partei der Regionen auf. Nachdem er gewaltsam gezwungen worden war, seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen im Mai 2014 zurückzuziehen, floh er auf die Krim, wo er seitdem lebt. Im Oktober 2023 überlebte er nur knapp einen Mordanschlag des ukrainischen Geheimdienstes. Man kann ihm auch auf seinem persönlichen TG-Kanal folgen.

Mehr zum Thema - Versöhnung ohne Unrechtsbewusstsein? Polen macht seinen Frieden mit der Bandera-Ukraine