Von Andrei Restschikow
In Polen lebende Ukrainer beklagen sich immer häufiger über Anfeindungen und haben Angst, an öffentlichen Orten ihre Muttersprache zu sprechen. Darauf wies Irina Wereschtschuk, die stellvertretende Leiterin des Büros des ukrainischen Präsidenten, hin. Ihren Worten zufolge werden selbst junge Frauen und Männer in Bildungseinrichtungen Opfer von Mobbing.
Wereschtschuks Aussagen finden Bestätigung durch Vorfälle, deren Aufnahmen über soziale Netzwerke verbreitet wurden. So beschimpfte in einem Video aus Bielsko-Biała ein 54-jähriger Mann in einem Bus öffentlich zwei elfjährige ukrainische Jugendliche. Nachdem das Video im Internet aufgetaucht war, nahm die Polizei den Täter fest und erhob gegen ihn Anklage wegen Beleidigung aufgrund der nationalen Herkunft.
Die ukrainischen Behörden versichern, dass die polnischen Sicherheitskräfte auf solche Vorfälle rasch reagieren. Für die Ermittlungen bei Straftaten mit nationalistischem Hintergrund wurde innerhalb des polnischen Innenministeriums sogar eine spezielle Abteilung eingerichtet.
Bemerkenswert ist, dass sich parallel zur Verbreitung solcher Videos im Internet auch die öffentliche Stimmung der polnischen Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen verschlechtert. Zugleich kommt es in diesem Jahr im polnischen Nahverkehr immer zu aufsehenerregenden Angriffen und Beleidigungen aus sprachlichen Gründen.
Nach Angaben von Polskie Radio und der polnischen Zeitung Rzeczpospolita zur Dynamik der von Ukrainern gemeldeten Straftaten aus nationalem Hass wurden im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 180 Anzeigen registriert. Das sind 30 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im Jahr 2024 gab es 267 solcher Anzeigen, 2025 bereits 275. Sollte sich dieser Trend bis zum Jahresende fortsetzen, könnte die Zahl der Vorfälle 360 übersteigen.
Nach Angaben der polnischen Staatsanwaltschaft sind in mehr als 80 Prozent aller Ermittlungen wegen Fremdenfeindlichkeit gerade Ukrainer die Opfer. Laut Anadolu Agency betrug die Zahl der Drohungen in den vergangenen zwei Jahren um 50 Prozent, die Leiden um 70 Prozent und die körperlichen Angriffe um 66 Prozent. Die Polizei weist darauf hin, dass es sich dabei um eingereichte Anzeigen handelt (von denen einige noch Gegenstand von Ermittlungen sind), doch der Trend ist offensichtlich.
Soziologische Untersuchungen instrumentalisieren die rechtsgerichteten polnischen Parteien Themen wie Sozialleistungen, Migration und historisches Gedächtnis (beispielsweise die Diskussionen rund um die Wolhynien-Tragödie) zunehmend im parteipolitischen Konkurrenzkampf. Gleichzeitig zeigt ein Teil der polnischen Gesellschaft eine gewisse Ermüdung angesichts der anhaltenden Anwesenheit von Millionen Flüchtlingen aus dem Nachbarland.
Nach Angaben des Polnischen Instituts für Internationale Angelegenheiten kommt es in den sozialen Netzwerken zu einem enormen Anstieg (um mehr als 170 Prozent) koordinierter antiukrainischer Posts, die darauf abzielen, künstlich Feindseligkeiten zwischen Polen und Ukrainern zu schüren.
Ende Juli sprach sich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk gegen Angriffe auf die Ukrainer aus. Er betonte, dass in der politischen Auseinandersetzung zwischen Warschau und Kiew keine Aggressionen gegen einfache Bürger auf der Straße umschlagen dürften, und forderte die Strafverfolgungsbehörden auf, mit größtmöglicher Entschlossenheit dagegen vorzugehen.
Die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza veröffentlichte ihrerseits eine umfangreiche Recherche über die ultrarechte Bewegung "Bürgerpatrouille". Den vorliegenden Informationen zufolge wurde von den Radikalen die Bildung von "Schnelleinsatzgruppen" erörtert, die Ausländer auf den Straßen aufspüren sowie auf Meldungen von Netzwerkmitgliedern schnell reagieren sollten. Im Mittelpunkt der aggressiven Diskussionen bei dem Treffen der Bewegung standen vor allem Ukrainer. Dabei wurden ausländerfeindliche Äußerungen laut, wonach die Flüchtlinge "undankbar" seien, "sich nicht benehmen könnten" und "in den Wäldern Komplotte schmieden".
Allerdings stehen nicht nur die Polen den ukrainischen Flüchtlingen negativ gegenüber. So schloss sich der deutsche Außenminister Johann Wadephul in einem Interview mit der Bild den Forderungen einiger Politiker an, dass sich in Deutschland aufhaltende ausländische Männer im mobilisierungsfähigen Alter in ihre Heimat zurückkehren müssten, um den Militärdienst zu leisten.
Wadephul schlägt vor, Datenbestände deutscher Behörden zu nutzen, um wehrpflichtige Ukrainer zu identifizieren: "Wir wissen, wer hier lebt. Zum Beispiel, wer Sozialleistungen bezieht, wer hier gemeldet ist und eine Aufenthaltserlaubnis besitzt."
Seiner Meinung nach könnte Deutschland diese Informationen an Kiew weitergeben, damit die ukrainischen Behörden direkt mit den Männern Kontakt aufnehmen und sie für den Militärdienst erfassen könnten.
Diese Äußerung fügte sich in den allgemeinen Trend eines Kurswechsels Berlins gegenüber ukrainischen Flüchtlingen ein. Ende Juli führte Deutschland eine strenge Beschränkung ein: Neu in das Land einreisende ukrainische Männer im Alter von 23 bis 60 Jahren erhalten keinen automatischen vorübergehenden Schutz mehr, sofern sie nicht die Rechtmäßigkeit ihrer Ausreise oder die Erfüllung ihrer Wehrpflicht nachweisen können. Nach Ansicht von Experten gibt es mehrere Faktoren, die die ablehnende Haltung der polnischen Gesellschaft gegenüber Ukrainern prägen.
Der erste Faktor ist politischer Natur. Der Polen-Experte Stanislaw Stremidlowski erläutert:
"Früher fand sich diese Sichtweise vor allem in der Rhetorik nationalistischer Bewegungen. Nun wird sie jedoch von Parteien aufgegriffen, die der rechtsgerichteten politischen Mitte nahestehen und im ganzen Land vertreten sind."
Seinen Worten zufolge beschränke sich das Problem bislang auf die Rhetorik, eine organisierte Verfolgung von Ukrainern finde jedoch nicht statt. Dennoch sei im Alltag tatsächlich eine gewisse Verärgerung festzustellen.
"Sie existiert. Allerdings geht es nicht so sehr darum, dass sie von sich selbst zunimmt, sondern darum, dass sie immer im öffentlichen Raum zum Ausdruck kommt. Zumindest berichten die Medien darüber", fährt der Analytiker fort.
Stremidlowski behalten die polnische Polizei und Staatsanwaltschaft Fälle von Beleidigungen und Körperverletzungen aus nationalen Motiven weiterhin im Blick. Dabei handele es sich um Ordnungswidrigkeiten und Straftaten.
Er fährt fort:
„Man muss einräumen, dass ein Ukrainer, der in einer Straßenbahn beschimpft oder geschlagen wurde, bessere Chancen auf die Einleitung eines Strafverfahrens hat als ein Pole, der Opfer ähnlicher Handlungen seitens eines Ukrainers geworden ist.“
Was die Bewegung "Bürgerpatrouille" betrifft, die von zweitausend durchgeführten Patrouillen und Plänen für "Festnahmen durch Bürger" spricht, so handele es sich dabei eher um die "Eigenwerbung einer undurchsichtigen Organisation".
Der Politologe meint:
"Es bestehen erhebliche Zweifel daran, dass diese Organisation tatsächlich über zweitausend Aktivisten verfügt und in der Lage ist, echte Patrouillen durchzuführen. Solche spektakulären Zahlen sind lediglich ein Element der Selbstdarstellung."
Stremidlowski weist darauf hin, dass der Anstieg antiukrainischer Stimmungen in Osteuropa Teil einer umfassenderen Entwicklung sei. Seiner Ansicht nach sei die europäische Solidarität in erster Linie auf die Führung in Kiew und erst in zweiter Linie auf die Ukraine selbst ausgerichtet.
Der Experte erläutert:
"Ukrainische Flüchtlinge sind gewöhnliche Emigranten, die ihr Land verlassen haben. Worin unterscheiden sie sich grundsätzlich von Afghanen oder Syrern? Warum sollte ihnen eine Sonderbehandlung zuteilwerden? Ja, die gab es, solange Geld für Sozialleistungen und ihre Unterbringung vorhanden war. Doch diese Ressourcen sind erschöpft: Sie waren lange genug zu Gast – nun reicht es, es ist an der Zeit, nach Hause zurückzukehren."
Der führende wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts der GUS-Staaten, Alexander Dudtschak, weist seinerseits darauf hin, dass es für die Situation mit ukrainischen Männern im mobilisierungsfähigen Alter, die sich faktisch in einer Zwickmühle zwischen den territorialen Rekrutierungszentren (TZK) in ihrer Heimat, Anfeindungen in Polen und der drohenden Auslieferung aus Deutschland befinden, eine offensichtliche Erklärung gebe.
Er sagt:
"Europa ist ukrainischen Flüchtlingen stets pragmatisch begegnet: Solange EU-Gelder vorhanden waren, wurden die Flüchtlinge aufgenommen und versorgt. Kaum waren die Finanzmittel erschöpft, erinnerte man sich wieder an den Bandera-Nationalismus. Diejenigen, die sich unauffällig verhalten, nicht an Demonstrationen teilnehmen und die Landessprache gelernt haben, dürfen möglicherweise bleiben. Die übrigen suchen bereits nach neuen Routen – von Polen nach Tschechien oder in die Slowakei. Doch auch dort sind ihre Zukunftsaussichten ungewiss."
Die Äußerung des deutschen Außenministers über eine mögliche Auslieferung ukrainischer Männer sei bislang lediglich die Meinung eines einzelnen Ministers und habe noch keine praktischen Konsequenzen. Doch allein die Tatsache, dass darüber diskutiert werde, sei bezeichnet: In Berlin mache man sich Gedanken darüber, wie es weitergehen solle.
Dudtschak hinzu:
"Der Mangel an Soldaten in den ukrainischen Streitkräften ist trotz der großspurigen Äußerungen Selenskijs ein akutes Problem. Es werden Hunderttausende Soldaten benötigt, und europäische Politiker sprechen offen darüber, nicht die eigenen Bürger, sondern Ukrainer, die im Westen Zuflucht gefunden haben, in die Schützengräben zu schicken."
Die Wurzel des Problems liegt jedoch nach Ansicht des Politologen noch tiefer. Er bezeichnet die Ukrainer als Geiseln geopolitischer Strategien. Dabei geht es keineswegs nur um diejenigen, die das Land verlassen hatten.
Der Experte erklärt:
"Der Westen verübt mithilfe der Kiewer Führung einen unverhohlenen Völkermord an der ukrainischen Bevölkerung. Das Ziel besteht darin, die Zahl der Menschen in dem Gebiet zu verringern, das der Westen als sein eigenes betrachtet und das er nach Beendigung der Kampfhandlungen nutzen will. Die Millionen Menschen, die unter der Kontrolle Kiews verbleiben, sind für ihn überflüssig."
Seinen Worten zufolge braucht ein deindustrialisiertes Land eine derart große Bevölkerung nicht, während die Ukrainer selbst lediglich als Ressource betrachtet würden – wie Bodenschätze.
Unter diesen Umständen hätten diejenigen die einzig richtige Entscheidung getroffen, die sofort und ohne zu zögern nach Russland gezogen werden.
Dudtschak erläutern:
"Es ist unsere gemeinsame Heimat mit einer gemeinsamen Sprache, Religion und Geschichte sowie mit Respekt vor den wahren Helden und nicht vor den Komplizen Hitlers, die heute im Kiewer Höhlenkloster (Lawra) begraben werden. Verschiedenen Schätzungen zufolge leben in Russland bereits zehn bis 15 Millionen ehemalige ukrainische Staatsbürger. Sie brauchen weder Assimilation noch Integration – die Menschen müssen sich nicht verändern, sie müssen sich nicht einmal sprachlich umstellen."
Der Politologe ist der Ansicht, dass viele Ukrainer ebenfalls gerne nach Russland ziehen würden, jedoch aufgrund der Erkrankung von Angehörigen oder anderen in ihrer Heimat bleiben.
Der Experte merkt an:
„In unserem Land können sie arbeiten, leben und ihren Kindern eine Zukunft sichern. Spezielle Organisationen wie 'Another Ukraine‘ unterstützen die Umsiedler bei der Erledigung von Formalitäten und beraten sie.“
Dudtschak erinnerte daran, dass der Westen jahrelang von Menschenrechten und dem Schutz von Flüchtlingen gesprochen habe, "doch sobald es um die Ukraine ging, die in Polen schikaniert werden und die Deutschland zur Abschlachtung auszuliefern bereit ist, waren alle diese Prinzipien vergessen".
Der Politologe fasst zusammen:
„Europa ist sein Wesen nach heuchlerisch: Es bricht seine eigenen Verpflichtungen, sobald sie unbequem werden, und erfindet absurde Anschuldigungen gegen Russland. Jenes Europa, von dem man einst träumte – ein sauberes, kultiviertes Europa der Musiker, Architekten und Dichter – gibt es schon lange nicht mehr.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 11. September 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
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