Als Friedrich Merz den Schweizer Bundespräsidenten Guy Parmelin am Dienstag im Kanzleramt empfing, lockerte er die Stimmung gleich mit einem kleinen Seitenhieb auf die Eishockey-WM. Die Schweizer hätten der deutschen Mannschaft mit 6:1 "nicht nur Freude" bereitet, sagte Merz schmunzelnd vor den Journalisten.
Doch danach wurde es schnell ernst. Im Zentrum des Gesprächs stand ein Thema, das in Bern derzeit für erhebliche Unruhe sorgt: die neuen EU-Stahlzölle.
Ab dem 1. Juli drohen Schweizer Stahlproduzenten wie "Steeltec" oder "Stahl Gerlafingen" bei bestimmten Mengen satte 50 Prozent Zoll statt bisher 25 Prozent. Parmelin machte aus seiner Verärgerung kein Hehl und sagte mit Blick auf Brüssel, das helfe unserem Verhältnis nicht.
Merz zeigte sich verständnisvoll und betonte auf der gemeinsamen Pressekonferenz, niedrige Zölle lägen im Interesse beider Seiten. Gleichzeitig machte er jedoch klar, wo die EU derzeit die Prioritäten setzt: beim großen Spiel mit den USA. Ein Handelsabkommen mit Washington gehe vor.
Damit sprach Merz aus, was in Bern immer deutlicher spürbar wird. Die Schweiz ist wirtschaftlich eng mit Europa verflochten, sitzt bei den wirklich wichtigen Entscheidungen aber oft nur am Katzentisch.
Deutschland hatte sich in Brüssel offenbar dafür starkgemacht, die Schweiz von den neuen Maßnahmen auszunehmen – vergeblich. Die EU-Kommission wollte keine Sonderbehandlung, solange auch Großbritannien, Japan und andere enge Partner betroffen sind. Das Europäische Parlament segnete die Regel schließlich ohne Schweizer Ausnahme ab.
Für die Schweiz geht es in diesem Konflikt weit über einen einzelnen Industriesektor hinaus. Der Streit verweist auf ein grundlegendes Strukturproblem. Das Land ist wirtschaftlich tief in den europäischen Markt integriert, bleibt institutionell jedoch außen vor. Es muss sich an Regeln halten, die es selbst nicht mitgestalten kann, und trägt damit die Folgen politischer Entscheidungen ohne entsprechende Mitsprache.
Dabei sind die deutsch-schweizerischen Beziehungen besonders eng. Deutschland ist mit über 100 Milliarden Franken Handelsvolumen der mit Abstand wichtigste Partner. Umgekehrt ist die Schweiz für die deutsche Wirtschaft ein zentraler Absatz- und Investitionsmarkt. Zehntausende Grenzgänger halten die beiden Volkswirtschaften täglich zusammen.
Auch in der Sicherheitspolitik gaben sich beide Seiten einig. Man sprach über den Ukraine-Krieg, die europäische Sicherheitsarchitektur und die Frage, wie Europa in einer immer unübersichtlicheren Welt mehr Verantwortung übernehmen kann.
Im Hintergrund stand allerdings die große transatlantische Baustelle. Die Trump-Regierung macht massiv Druck auf Brüssel. Bis Anfang Juli soll ein neues Handelsabkommen stehen, sonst drohen weitere Zollerhöhungen. In diesem Klima wirken die Schweizer Sorgen zwar nachvollziehbar – strategisch sind sie aber eher nachrangig.
Genau das war die eigentliche Botschaft des Berlin-Besuchs. Die Deutschen verstehen die Schweiz besser als viele andere in der EU. Doch selbst ein wohlgesinnter Kanzler wie Merz kann die Machtverhältnisse in Brüssel nicht aushebeln.
Für Guy Parmelin war der Besuch deshalb wohl beides zugleich. Ein Zeichen enger, pragmatischer Beziehungen zu Berlin und eine deutliche Erinnerung daran, wo die Grenzen dieser Nähe liegen, wenn geopolitische Interessen und harte Industriepolitik ins Spiel kommen.
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