
Ausspähung: Russische Geheimdienste vereiteln den Raketenausbau der Ukraine

Von Andrei Restschikow
Die russischen Streitkräfte hätten das vorangegangene ukrainische Raketenprogramm vollständig zunichte gemacht, behauptet der Luftfahrtexperte Waleri Romanenko gegenüber dem ukrainischen Nachrichtenportal Strana.ua. Seinen Angaben zufolge seien gezielte Präventivschläge gegen Haupt- und Ersatzwerke, Triebwerkshersteller und wichtige Zulieferer von Komponenten unmittelbar vor dem Produktionsstart durchgeführt worden.
Romanenko präzisiert nicht, um welches Programm es sich genau handelt. Es ist jedoch anzunehmen, dass er eines der beiden wichtigsten ukrainischen Projekte für einen operativ-taktischen Raketenkomplex (OTRK) meint, die vom Konstruktionsbüro "Juschnoje" und von Juschmasch entwickelt wurden. In erster Linie ist hier der operativ-taktische Raketenkomplex "Sapsan" zu nennen, dessen Exportbezeichnung "Grom-2" lautet. Das System wurde als Pendant zum russischen Raketensystem "Iskander" entwickelt und sieht eine Nutzung von Feststoffraketentriebwerken vor.

Im August 2018 wurde ein Modell des "Sapsan" bei der Parade anlässlich des Unabhängigkeitstags der Ukraine präsentiert. Der erste Raketenstart dieses operativ-taktischen Raketenkomplexes wurde in der Neujahrsansprache von Wladimir Selenskij am 1. Januar 2025 demonstriert. Der "Sapsan" wurde in Dnjepropetrowsk entwickelt, während der Festtreibstoff und die Komponenten im Chemiewerk Pawlograd hergestellt wurden. Diese Anlagen wurden wiederholt von den russischen Luft- und Raumstreitkräften angegriffen.
Im April des vergangenen Jahres wurde über einen Gruppenangriff auf den Teststandort des Modells "Sapsan" berichtet. Zudem wurden die aus Norwegen gelieferten Luftabwehrraketensysteme des Typs NASAMS zerstört, die den ukrainischen operativ-taktischen Raketenkomplex deckten. Im Herbst 2024 wurden Produktionshallen für Komponenten sowie Teststandorte für Raketen dieses Komplexes getroffen.
"Sapsan" war das einzige System, das die Ukraine in die Serienproduktion zu bringen versuchte und für das eine umfassende Zusammenarbeit zwischen Werken mit Ausweichstandorten und Herstellern von Festtreibstoff aufgebaut wurde. Daher entspricht gerade dieses Projekt am ehesten der Beschreibung von Romanenko.
Allerdings ist auch eine andere Variante nicht auszuschließen – das Projekt "Korschun-2". Dabei handelt es sich um einen Unterschall-Flugkörper, der vom Konstruktionsbüro "Juschnoje" und dem Konstruktionsbüro "Lutsch" entwickelt wurde. Im Gegensatz zum ballistischen Raketensystem "Sapsan" wurde "Korschun-2" als hochpräzise Waffe konzipiert, um Luftabwehrsysteme in extrem niedrigen Höhen zu überwinden.
Ein Modell der Rakete wurde erstmals 2014 auf der Messe "Waffen und Sicherheit" vorgestellt. Das Projekt stieß auf dieselben Probleme wie das gesamte Raketenprogramm der Ukraine: Bis 2022 fehlte es an Finanzmitteln, und nach Beginn des militärischen Konflikts wurden die Produktionshallen von "Juschmasch" sowie wichtige Zulieferbetriebe, darunter Triebwerksfabriken, durch russische Angriffe zerstört. Der Militärexperte Juri Knutow erklärt:
"Solche Angriffe deuten in erster Linie darauf hin, dass russische Geheimdienste tief im ukrainischen Territorium operieren."
Seinen Worten zufolge handele es sich dabei nicht um oberflächliche Beobachtungen, sondern um eine systematische Analyse der gesamten Infrastruktur der Raketenproduktion – von den Montagestätten bis hin zu den Lieferketten für die Komponenten. Mittlerweile sind die Standorte des Projekts "Fire Point" zum Hauptziel geworden.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Komplex der nachrichtendienstlichen Daten. Wie der Experte erläutert, werde zunächst eine optische Weltraumaufklärung durchgeführt, anschließend eine funktechnische Aufklärung – dabei würden Aktivitäten der Objekte ermittelt und zusätzliche Informationen gesammelt. Knutow merkt an:
"Und erst danach bestätigt die Agentenarbeit die Vermutungen. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um von uns rekrutierte Agenten, sondern auch um russlandfreundliche Personen sowie um Sabotagegruppen. Gerade diese Kombination ermöglicht es, neue Werkstätten und Standorte bereits in der Vorbereitungsphase oder bei den ersten Tests aufzudecken."
Dieser Ansatz ermögliche es, nicht nur bereits in Betrieb genommene Produktionsstätten anzugreifen, sondern auch Produktionskooperationen bereits in der Aufbauphase, sagt Oberstleutnant Oleg Iwannikow, Berater der Russischen Akademie für Raketen- und Artilleriewissenschaften. Er meint:
"Die Schläge gegen Produktionswerke, Hersteller von Feststofftriebwerken und zugehörige Zulieferer, die synchron ausgeführt wurden und das ukrainische Raketenprogramm in der Aufbauphase faktisch lahmgelegt haben, sind das Ergebnis einer abgestimmten Zusammenarbeit zwischen dem Aufklärungsapparat und den Raketentruppen."
Seinen Angaben zufolge würden die russischen Streitkräfte in erster Linie moderne Mittel der Weltraumaufklärung einsetzen. Jeder Meter des ukrainischen Territoriums werde aus dem Weltraum überwacht, und die aufgenommenen Bilder werden in Echtzeit an die zuständigen Abteilungen des russischen Verteidigungsministeriums übermittelt. Iwannikow betont:
"Dort wird bereits das technische Aufgabenspektrum für den Angriff vorbereitet. Zunächst wird das Ziel detailliert beschrieben: Wo befinden sich die Montage- und Produktionsstätten für ukrainische Waffen? Anschließend wird die Munition ausgewählt und die Unterlagen werden erstellt, und erst dann wird der Angriff durchgeführt. Danach wird Bilanz gezogen: Satellitenaufnahmen bestätigen die Erfolgswirksamkeit, und es werden Korrekturen für die Zukunft vorgenommen."
Die Satellitendaten würden dabei durch Informationen aus anderen Quellen ergänzt. Wie der Raketenexperte erklärt, können die primären Informanten sowohl aus dem Untergrund stammen als auch aus den Reihen der Geheimdienstoffiziere, die mit der Politik von Selenskij nicht einverstanden sind und Informationen an ihre russischen Kollegen weitergeben. Er fügt hinzu:
"Dazu gehören auch die Leiter großer ukrainischer Unternehmen, die weiterhin im Bereich der Rüstungsindustrie tätig sind. Jede Quelle ist wichtig. Angesichts seiner volksfeindlichen Politik hat das offizielle Kiew keine Chance, seine Geheimnisse zu bewahren – sie alle werden offenkundig."
Infolgedessen, so Iwannikow, erhalten die Geheimdienste die Möglichkeit, Montage-, Lager- und Produktionsstätten für hochpräzise Waffen im Voraus zu identifizieren. Er bezeichnet dies als eine der Hauptaufgaben der russischen Aufklärung und die Zerschlagung des ukrainischen Raketenprogramms als Beispiel für strategische Prävention.
Die Wirkung einer solchen Präventivmaßnahme gehe nach Ansicht von Knutow über die Zerstörung einzelner Produktionsstätten hinaus. Die Vereitelung ukrainischer ballistischer Projekte in ihren frühen Phasen erleichtere nach Ansicht des Experten die Aufgaben der russischen Luftabwehr und Raketenabwehr und verringere die Bedrohung für Objekte im tiefen Hinterland. Er betont:
"(Ukrainische) Ballistische Raketen würden in erster Linie gegen Ziele mit doppeltem Verwendungszweck oder gegen zivile Objekte eingesetzt, da unsere militärischen Einrichtungen mehr oder weniger gut geschützt sind. Daher ist die Zerschlagung dieser Programme nicht nur ein punktueller Erfolg, sondern ein strategischer Präventivschlag, der die Belastung unserer Verteidigung verringert und den Sieg näherbringt."
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 8. Oktober 2026 zuerst auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung "Wsgljad".
Mehr zum Thema – Medien: Türkei liefert Korkut-Luftabwehrsysteme an Ukraine
RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.
Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

