Meinung

Weißer Adler, Schwarzer Schwan und ein Skandal um Abfangraketen für Kiew aus Polen

Dabei fing das Ganze damals so zauberhaft an wie in einem Märchen – Prinz Polen setzt dem ukrainischen Aschenputtel den Kristallschuh auf und beschenkt sie bis an sein Lebensende mit teurem Rüstungsgut wie Patriot-Abfangraketen. Doch irgendwo unterwegs hat sich Aschenblödel in Selenskij verwandelt – und die Beziehung in einen Kürbis.
Weißer Adler, Schwarzer Schwan und ein Skandal um Abfangraketen für Kiew aus Polen© Soziale Medien

Von Igor Malzew

Polens heraldischer Weißer Adler ähnelt immer mehr einem schwarzen Schwan … oder einer schwarzen Gans für die Ukraine. Innerhalb nur weniger Monate ist das Narrativ einer grenzenlosen Unterstützung der grenzenlos brüderlichen Ukraine plötzlich so ein wenig eingestürzt – just nachdem die Losung "Russland auf dem Schlachtfeld besiegen" zu einer überaus gefährlichen Illusion geworden war.

Öffentlich sah das Ganze so aus: Unverschämte ukrainische Nationalisten spuckten den stolzen polnischen Panowe ein weiteres Mal mit der demonstrativen Ehrung ihre "Helden" Bandera und Melnik ins Gesicht. Sie scheinen grundsätzlich außerstande zu verstehen zu sein, dass manche Dinge, nämlich die Verherrlichung historischer Verbrechen der "Groß-Ukren" an den Polen, nicht nur für den polnischen Staat inakzeptabel sind – sondern für das gesamte polnische Volk, buchstäblich auf Familienebene.

Nach dem pompösen, PR-getriebenen gegenseitigen Verzicht auf zuvor vergebene staatliche Auszeichnungen der jeweiligen Gegenseite wurde in Polen nicht nur die Führungsriege schwer nachdenklich: "Habe ich den Richtigen glücklichgemacht?" Und vor allem: Mit wieviel Geld und Mitteln?

Die Sache ist nämlich, dass die Polen gleich im Jahr 2022 unter den ersten Ländern offen in den Ukraine-Konflikt eingriffen – mit allen möglichen Mitteln und größtem Eifer.

Urteilt man nach Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen, so belaufen sich die staatlichen und zivilen Hilfsleistungen Polens bis heute auf über 106 Milliarden Złoty oder knapp 25 Milliarden Euro nach heutigem Kurs. Damit zählt Polen, gemessen an seinem Bruttoinlandsprodukt, zu den Ländern mit den weltweit höchsten Militärhilfsleistungen an Kiew: Rüstungsgüter in 48 Chargen im Gesamtwert von über 3,5 Milliarden Euro wurden entsandt, darunter Panzer, weitere gepanzerte Fahrzeuge und Munition.

Polen hat zudem Millionen zu internationalen gemeinsamen Beschaffungsprojekten und US-amerikanischen Rüstungsprogrammen für die Ukraine beigetragen. Ein weiterer Teil seiner Hilfe dient der Versorgung von Millionen Flüchtlingen. Warschaus Hife umfasst außerdem umfangreiche Ausrüstung für das angeschlagene ukrainische Stromnetz, darunter Hochspannungswandler und schwere Notstromaggregate.

Doch angesichts der offenkundig desolaten Lage der ukrainischen Streitkräfte und der fragwürdigen Vorstellungen von Dankbarkeit, die die Unabhängigsten an den Tag legen, hat die polnische Opposition gewisse Daten veröffentlicht: Die polnische Regierung hat nämlich heimlich Abfangraketen für das Luftabwehrsystem Patriot an die Ukraine übergeben. Und von da an nimmt der Riesenskandal seinen Lauf.

Es handelt sich nämlich um genau jene Raketen, mit denen auch die Polen selbst gedachten, etwaige Angriffe mit Iskander-Raketen aus Russlands Gebiet Kaliningrad abzuwehren – und auf deren Grundlage sie ihr eigenes, noch immer nicht fertiggestelltes, schlagkräftiges Luftverteidigungssystem aufbauen wollten. Mit anderen Worten: Die polnische Regierung hat also entschieden, zugunsten des Selenskij-Regimes auf die Sicherheit ihrer eigenen Bürger zu pfeifen.

Hiergegen hatte der Verteidigungsminister und stellvertretende Ministerpräsident Władysław Kosinjak-Kamysz folgenden "schlauen Plan, Milord": Er ordnete gegen diejenigen, die "geheime Informationen" über diese Lieferungen verbreitet hatten, einfach Ermittlungen an – und räumte damit die Lieferungen selbst ein.

Daraufhin erreichte die Empörungswelle in der Wählerschaft Ausmaße, die die Regierungspartei durchaus zu Fall bringen könnten. Doch dann setzte Kosiniak-Kamysz seinen nächsten Schritt: Nach Rücksprache mit Premierminister Donald Tusk kündigte er an, dass das offizielle Warschau die "vollständigen" Daten über seine Militärhilfe für die Ukraine von 2022 bis 2026 freigeben werde.

Ach ja? Wie interessant! Wenn doch schon ganze Patriot-Raketen heimlich geliefert wurden, was wurde dann erst in Form von Finanzhilfen unter der Hand gesteckt? Wir könnten unserer Lebzeiten Zeugen erstaunlicher Enthüllungen werden.

Der ehemalige Verteidigungsminister und Abgeordnete der Partei Recht und Gerechtigkeit, Mariusz Błaszczak, erklärte hierzu:

"Sollten sich die Berichte über die Lieferung von PAC-3 MSE-Raketen an die Ukraine bestätigen, dann steht für uns ein gigantischer Skandal an."

Und noch können wir beobachten, wie diejenigen, die sich als Erste für die Ukraine eingesetzt haben, nun auch als Erste zurückrudern. Die Zeiten haben sich eben geändert. Derweil murmelt man sogar schon in Deutschland etwas darüber, dass die Ukraine die Taurus-Marschflugkörper ja gar nicht wirklich brauche. Denn Deutschland stand bei dieser Hilfslieferung an zweiter Stelle – und ebenfalls zum Nachteil der eigenen Bevölkerung.

Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst exklusiv für RT

Igor Malzew ist ein russischer Journalist und Schriftsteller, Kolumnist, politischer Kommentator und Beobachter für zahlreiche russische Blätter, stellvertretender Chefredakteur der Iswestija, erster Chefredakteur der Medwed, Chefredakteur und Gründer des Automobilressorts bei Kommersant. Er ist zudem regelmäßiger Kolumnist bei der russischen Ausgabe von RT.

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