Meinung

Chinas Aufstieg und der strategische Irrweg des Westens

Die historische Rückverlagerung des wirtschaftlichen und technologischen Gravitationszentrums der Planeten nach Asien kann nicht gestoppt werden. Doch China sei keine Bedrohung für den Westen, sondern in erster Linie an Aufbau, Wohlstand und Geschäften interessiert, meint Ex‑US‑Oberst Douglas Macgregor.
Chinas Aufstieg und der strategische Irrweg des Westens© KI-generiert

Von Rainer Rupp

Die fünfhundert Jahre westlicher Dominanz könnten sich ihrem Ende nähern. Nicht unbedingt durch einen militärischen Zusammenbruch der USA oder Europas, sondern durch eine wesentlich unspektakulärere Verschiebung von Produktion, Technologie, Rohstoffen, Kapital und einer sozial funktionierenden und intellektuell blühenden Gesellschaft in China. Dies ist – kaum zu glauben – der Kern der Aussage eines pensionierten US‑Obersten, des hochdekorierten Panzeroffiziers Douglas Macgregor, mit realen Kriegserfahrungen im Mittleren Osten.

Der studierte Militär- und Politikwissenschaftler Macgregor, Autor etlicher kritischer Bücher über den Zustand der USA-Streitkräfte, verbunden mit Reformvorschlägen, die er als Berater eines früheren, amtierenden US-Verteidigungsministers jedoch nicht umsetzen konnte, ist wegen seiner glasklaren Analysen und treffend scharfen Aussagen in alternativen Medien wie YouTube weit über die Grenzen der USA hinaus bekannt. Vor allem ist er bei Kriegsgegnern beliebt, weil er nicht davor zurückscheut, Ross und Reiter der verbrecherischen imperialistischen Kriege zu benennen, auch wenn es sich dabei um israelische Zionisten handelt, die Trump kontrollieren.

Den Prozess des Niedergangs der US-amerikanischen globalen Vormachtstellung und der westlichen Dominanz in Industrie, Handel, Wissenschaft, Technologie und Militär beschrieb McGregor in einem Interview mit Mario Nawfal mit einer historischen Analogie: Die Welt erlebe gewissermaßen eine Umkehrung der Entwicklung, die im Jahr 1492 mit der Entdeckung Amerikas und der Kolonisierung und der genozidalen Ausbeutung der dort ansässigen Bevölkerung begann und den Grundstein für die westliche Dominanz der nachfolgenden 500 Jahre legte.

Vor dem Aufstieg der europäischen Seemächte hatten sich laut Macgregor der Großteil des damaligen globalen Reichtums und der wirtschaftlichen Macht in China, Indien und im Osmanischen Reich konzentriert. Die Erschließung Amerikas und seiner Ressourcen habe anschließend die Kräfteverhältnisse fundamental verändert:

"Reichtum, Macht, Technologie – all das kam damals in Europa zusammen."

Später sei dann dieses Zentrum von Europa in Richtung Nordamerika gewandert. Nun, so Macgregors These, laufe dieser "Film" rückwärts ab. "Macht, Technologie, Wohlstand, Gold, Silber und strategische Rohstoffe" bewegten sich wieder nach Asien. Sein Fazit: "Asia ist das neue 'New Powerhouse', das neue Kraftwerk des Planeten", und China werde dabei offensichtlich die Hauptrolle in Asien spielen.

Das ist eine weitreichende Prognose, aber die industrielle Entwicklung und die dazu gehörigen Daten weisen genau in diese Richtung. Die industrielle Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen UNIDO bezeichnet Asien und Ozeanien inzwischen als wichtigsten Motor des weltweiten Produktionswachstums und China spiele dabei die zentrale Rolle.

Washington kämpft gegen Lieferketten – Peking baut neue auf

Für Macgregor wird dieser historische Prozess durch die amerikanische Politik nicht aufgehalten, sondern ungewollt beschleunigt, weil die USA ihre und die westlichen Lieferketten nach Asien zerstört haben. Seine Kritik fällt drastisch aus, wenn er sagt:

"Wir haben nicht nur unseren internationalen Ruf zerstört, sondern auch unseren eigenen Wohlstand."

Seine zugespitzte Diagnose lautet:

"Die Amerikaner sind auf dem Weg zum globalen Selbstmord."

Mit zunehmender Sorge haben die selbst erklärten Herrscher des Universums in Washington zusehen müssen, wie China in immer mehr wissenschaftlichen Disziplinen die Führung übernommen hat und – was für Washington noch schlimmer ist – die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse in Windeseile in die Herstellung von international begehrten technologischen Produkten umgesetzt. Um dem auf friedliche Weise entgegenzuhalten, könnten die USA verstärkt die eigene Wissenschaft fördern und das desolate Schul- und Universitätssystem auf den neuesten Stand bringen, um auf diese Weise mit China im kooperativen Wettbewerb um die besten Ergebnisse zu ringen.

Stattdessen setzten die neoliberal verseuchten Eliten in Washington auf ihre in 500 Jahren Kolonialismus und Imperialismus bewährten Instrumente: Drohungen mit Krieg, Handelsboykotte, Sanktionen und so weiter, um den Feind zu unterwerfen. Denn "Feind" ist jedes Land, das die Vormachtstellung der USA "bedroht", etwa durch eine neue Erfindung oder andere – im Vergleich zu den USA – lukrativere Handels- und Wirtschafts- oder Kooperationsabkommen.

Tatsächlich versuchen die USA seit Jahren, Chinas wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische Fortschritte zu bremsen oder mit Sanktionen zu blockieren. Gegenüber der eigenen Bevölkerung werden diese Maßnahmen damit gerechtfertigt, dass China militärisch nach der Weltmacht strebe, um die USA zu besiegen. Deshalb müsse alles getan werden, um Chinas wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt zu bremsen oder ganz zu verhindern. Besonders deutlich wird dies bei Halbleitern. Seit Oktober 2022 beschränkt Washington den chinesischen Zugang zu hoch entwickelten Chips, Supercomputing-Technologie und Anlagen zur Halbleiterproduktion ausdrücklich aus Gründen der nationalen Sicherheit.

Zugleich will Washington die starke Abhängigkeit der US-Industrie von chinesischen Importen – von Vorprodukten bis zu technologischen Ersatzteilen, die sogar in nicht geringer Zahl in US-Waffensystemen Verwendung finden – so schnell wie möglich reduzieren. Doch dieses "Decoupling" (Abkoppeln) hat Nebenwirkungen. Untersuchungen von Weltbank- und IMF-Ökonomen zeigen, dass Chinas Anteil an den direkten US-Importen zwar deutlich gesunken ist, zugleich aber wichtige Teile der chinesischen Produktion wie Seltene Erden nicht mehr in die USA kommen. Andere Teile der chinesischen Produktion, für die Trump hohe Zölle verhängt hat, kommen über Umwege in die USA, etwa über Länder wie Vietnam und Mexiko, deren industrielle Lieferketten wiederum eng mit China verbunden sind.

Neuere IMF-Untersuchungen zeigen zudem, dass chinesische Unternehmen Produktionsketten über Südostasien reorganisieren und Investitionen verlagern. Handelsbarrieren können China also vom US-amerikanischen Markt teilweise abkoppeln, gleichzeitig aber – und das ist wichtig – die chinesische wirtschaftliche Vernetzung mit ASEAN und anderen Regionen vertiefen.

Aus Macgregors Sicht liegt darin Washingtons strategischer Fehler: Die USA wollen Chinas Aufstieg bremsen, beschleunigen damit aber gerade die Entstehung eines globalen Wirtschaftssystems, das immer weniger von den Vereinigten Staaten abhängig ist und immer enger mit China kooperiert.

China will Handel statt Weltbeherrschung

Noch grundsätzlicher widerspricht Macgregor dem in Washington verbreiteten Bild Chinas als kommendem globalen Hegemon.

"China ist nicht das 'Reich des Bösen'", sagt er. China sei keine Krake, die versuche, "überall alles zu kontrollieren", was das Selbstverständnis der angeblich "unverzichtbaren Nation" USA sei. Stattdessen seien die Chinesen "vor allem daran interessiert, ihr Land aufzubauen und mit der Welt Geschäfte zu machen, und ihren gesellschaftlichen Reichtum und den Wohlstand der Bevölkerung zu steigern".

Damit beschreibt Macgregor das andere, das chinesische Verständnis von Macht: Wohlstand schaffe Einfluss, Handel schaffe Abhängigkeiten als auch Verbindungen und wirtschaftliche Stärke ersetze militärischen Zwang. Das zeige auch Chinas lange Geschichte. Diese sei – im krassen Unterschied zu den USA und den westlichen imperialistischen Kolonialstaaten – nicht von deren ausgeprägtem Zwang zur militärischen Expansion charakterisiert.

Zur Erinnerung: Die europäische Kolonialordnung, und später die der USA beruhten über Jahrhunderte gerade nicht auf Gleichberechtigung der Handelspartner, sondern auf der Unterwerfung fremder Länder und ganzer Kontinente. Die Schaffung von exklusiven Einflusszonen, privilegiertem Zugang zu Rohstoffen, Handelsmonopolen und der Kontrolle strategischer Verkehrswege gehörten zum Instrumentarium der westlichen Imperialisten, die ihre Ziele in der Regel mit äußerst brutalen, militärischen Mitteln und nicht selten mit Genoziden durchgesetzt haben.

Diese alte Art des Kolonialismus wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwar schrittweise durch den weniger blutigen Neokolonialismus ersetzt. Der kam, human verkleidet im Mäntelchen des Neoliberalismus daher und versprach allen armen Ländern eine blühende Zukunft, aber nur …

  • wenn sie heimische Schutzzölle aufheben und ihre Märkte komplett für Importe öffnen,
  • wenn sie alle Kontrollen über ausländische Kapitalbewegungen und Investitionen aufheben,
  • wenn sie wichtige staatseigene Unternehmen in den Bereichen Wasser- und Stromversorgung sowie ihre Rohstoff-Unternehmen zur Privatisierung durch westliche Großkonzerne freigeben.

Im Laufe der Zeit und mithilfe der Weltbank und des IWF gelang es den Neoimperialisten, den meisten Ländern des globalen Südens diese Bedingungen aufzuzwingen. Dies geschah in der Regel nicht mit den von früher gewohnten Exzessen militärischer Gewalt, sondern zunehmend mit der Schaffung von Finanzzwängen und Schuldenfallen, die es den Neokolonialisten erlaubten, auch weiterhin die Länder des Globalen Südens auszubeuten.

Dennoch waren und sind bis heute kleine militärische Interventionen, verbunden mit verdeckten oder sogar offenen Umstürzen "renitenter" Regierungen, Teil des Modus Operandi der Neokolonialisten und angeblichen Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte. Und genau hier wird der Unterschied zwischen China und den USA und ihren westlichen Hilfstruppen geradezu physisch messbar:

Chinas internationale Projektion von Wohlstand und Stärke beruht wesentlich auf Handel, Industrie, günstiger Infrastrukturfinanzierung in Partnerländern und wirtschaftlichen Verflechtungen.

Genau hier liegt Macgregors stärkstes Argument. Die Vereinigten Staaten besitzen weiterhin enorme militärische, technologische und finanzielle Macht. Doch der Versuch, ihre bisherige Vormachtstellung durch Sanktionen, Zölle, Exportkontrollen und geopolitische Blockbildung zu konservieren, kann außerhalb des Westens, also im weitaus größten Teil der Welt, genau die wirtschaftliche Fragmentierung weg von den USA beschleunigen, die Washington eigentlich verhindern möchte.

Falls diese Diagnose stimmt, besteht Washingtons größtes Problem nicht darin, dass China die westliche Weltordnung nicht untergraben und schon gar nicht gewaltsam zerstören muss, um den Westen in die Schranken zu weisen. Vielmehr sind es die USA und der Westen selbst, die mit ihren dilettantischen Versuchen, die nicht mehr zurückdrehbare, historische Machtverschiebung aufzuhalten, genau die Entwicklung beschleunigen, die sie verhindern wollen.

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