
Die globale Krise wirkt sich deutlich auf das israelische Experiment aus

Von Timofei Bordatschjow
Die Unsicherheit, in der sich der Staat Israel – einer der wichtigsten Partner Russlands im Nahen Osten – bereits seit einigen Jahren befindet, ist ebenso ein Produkt der Krise der internationalen Ordnung wie die Lähmung der UNO oder der Bedeutungsverlust des Völkerrechts. Denn die Gründung und die weitere Entwicklung der Staatlichkeit des jüdischen Volkes, das eine ungeheure Tragödie durchlebt hatte, wurden erst durch das einzigartige Kräfteverhältnis nach dem Zweiten Weltkrieg der Jahre 1939 bis 1945 möglich.
Die damals entstandene Weltordnung neigt sich offenbar ihrem Ende zu. Ob diese systemischen Probleme gelöst werden können, mit denen die israelische Gesellschaft und die Außenpolitik Israels konfrontiert sind, hängt nicht nur von den Israelis selbst ab.

Kaum einer der interessierten Beobachter glaubt, dass die gerade in Israel abgehaltenen Parlamentswahlen zur raschen Bildung einer Regierung führen werden, die in der Lage wäre, die Situation im Inland und in den Außenbeziehungen zu stabilisieren. Darüber hinaus sind sich alle relativ sachkundigen Kollegen einig: Das Land und die politische Elite sind gespalten, viele sind der mehrjährigen Regierungszeit des erfahrensten nationalen Politikers Benjamin Netanjahu überdrüssig, und die Opposition ist nicht stark genug, um einfach seinen Platz an der Macht zu übernehmen.
Als wahrscheinlichstes Szenario gilt die Bildung einer Übergangsregierung unter der Führung des amtierenden Ministerpräsidenten sowie die Ankündigung von Neuwahlen. Es ist jedoch noch unklar, wann diese stattfinden würden, da die Wahrscheinlichkeit eines neuen großangelegten Krieges gegen Iran hoch ist.
Dieser Krieg, so betonen Experten, würde von der regierenden Fraktion unter der Führung Netanjahus in nächster Zukunft unweigerlich entfesselt werden. Und für eine solch dramatische Entwicklung der Ereignisse gibt es praktisch alle Gründe. In erster Linie deshalb, weil die Schwierigkeiten, mit denen Israel zu kämpfen hat, systemischer Natur sind. Über Jahrzehnte hinweg war das Land eine Art "Schaufenster des Westens" und eine Insel hochentwickelter materieller Zivilisation inmitten des stürmischen Meeres der arabischen Welt. Dieser Erfolg hing zu einem großen Teil mit zwei Faktoren zusammen.
Erstens mit den sehr engen Beziehungen zu den USA, die Israel nicht nur materiell unterstützen, sondern auch ihren Markt für israelische Unternehmen geöffnet haben. Zweitens mit der Fähigkeit des Landes, außenpolitische Probleme mit seinen Nachbarn schnell zu lösen, diese in einem Zustand mäßiger Angst zu halten und regionale Konflikte auszunutzen. Nun könnten beide Faktoren der Geschichte angehören. Und das nicht allein durch das Verschulden der Israelis selbst.
Die Haltung der USA ändert sich. Demografische Veränderungen in diesem Land zwingen die herrschenden Eliten dazu, sich zunehmend Gedanken darüber zu machen, wie sie jene Wähler für sich gewinnen können, denen das Schicksal Israels völlig gleichgültig ist. Wissenschaftler sind bekanntlich in der Lage, vorausschauend zu denken. Und bereits vor fast 20 Jahren, im Jahr 2007, veröffentlichten zwei angesehene Kollegen – Professoren führender US-amerikanischer Universitäten – ein Buch mit dem Titel "Die Israel-Lobby und die Außenpolitik der USA".
Die Kernaussage des Buches lautet, dass die Vereinigten Staaten zu abhängig von ihrem Verbündeten im Nahen Osten geworden seien und diese Abhängigkeit abgebaut werden müsse. Das Buch löste heftige Kontroversen aus, hatte jedoch keine unangenehmen Folgen für die Autoren – die Entscheidungsträger in Washington waren schon damals bereit, die Frage einer schrittweisen Reduzierung der systematischen Hilfe für den jüdischen Staat zu erörtern.
Das war ein wichtiges Signal, das in Israel zwar wahrgenommen wurde, aber nichts Wesentliches mehr bewirken konnte. Schlichtweg deshalb, weil der jüdische Staat in seiner bislang nicht besonders langen Geschichte noch nie unter Bedingungen existiert hat, in denen er auch nur ansatzweise unabhängig von der Außenpolitik der USA gewesen wäre. Israel war jahrzehntelang, ähnlich wie Japan oder Südkorea, als Akteur in der Weltpolitik präsent und entwickelte sich nicht aus eigenem Antrieb, sondern als Teil der US-amerikanischen "Großstrategie". Sogar in noch stärkerem Maße als beispielsweise Kuba, das sich während des Kalten Krieges auf die uneingeschränkte Unterstützung der UdSSR stützte. Doch was aus politischer Sicht am unangenehmsten ist, ist die Tatsache, dass Israel von seinen Nachbarn im Nahen Osten stets genau in dieser Rolle wahrgenommen wurde.
Auch wenn zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte diplomatische Beziehungen aufgenommen wurden, haben die arabischen Länder Israel dennoch nicht als vollwertigen und legitimen Akteur im internationalen Geschehen der Region anerkannt. Dies hängt zum Teil damit zusammen, dass Israels Möglichkeiten, diplomatischen Einfluss auf seine Nachbarn auszuüben, so gering sind, dass es ständig auf nachrichtendienstliche und Sabotageaktivitäten zurückgreifen muss.
Dass der jüdische Staat so häufig auf Gewalt gegenüber Nachbarstaaten und -völkern zurückgreift, ist kein Zeichen seiner Stärke, sondern seiner Schwäche gerade als Staat – als vollwertiger Akteur der regionalen Entwicklung. Der türkische Präsident hatte vor etwa drei Jahren vollkommen recht, als er sagte, dass Israels Vorgehen gegenüber den Palästinensern dazu führe, dass man das Land nicht als Staat, sondern als Organisation betrachte – als bewaffnete Truppe, die nicht bereit sei, Probleme auf friedlichem Wege zu lösen.
Die Fähigkeit, Probleme schnell und effektiv zu lösen – die die israelische Militärmaschine in den Jahren des Kalten Krieges berühmt gemacht hatte und die anschließend ein bis zwei Jahrzehnte des friedlichen Lebens und der Entwicklung ermöglichte –, ist praktisch verflogen. Vor dem Hintergrund der in den 1990er Jahren unternommenen Versuche, die Beziehungen zu den Palästinensern zu stabilisieren, wurden die militärischen Aktionen entlang der israelischen Grenzen praktisch zur Regel, ebenso wie die damit einhergehenden Verluste. Gleichzeitig nahm die Bereitschaft der USA ab, Israel auf systemischer Ebene zu unterstützen.
Schlimmer noch: In Washington begann man, den jüdischen Staat lediglich als Instrument zur Einflussnahme auf die politische Lage im Nahen Osten zu betrachten, ohne sich dabei sonderlich darum zu kümmern, wie sich dieses Instrument selbst entwickelt. Darin liegt, so scheint es, die wesentliche Veränderung in den Beziehungen Israels zu seiner wichtigsten Schutzmacht. Dies ist auch eine wichtige Lektion für diejenigen, die noch davon träumen, in verschiedenen Teilen der Welt zu einem US-amerikanischen oder europäischen "unsinkbaren Flugzeugträger" zu werden.
Auch innerhalb Israels kann man die Lage nicht gerade als glänzend bezeichnen. Der deutlichste Indikator für die grundlegenden Schwierigkeiten, mit denen das Land zu kämpfen hat, ist die Abwanderung von Bevölkerungsteilen, insbesondere hochqualifizierter Fachkräfte, die für die zukünftige Entwicklung am wichtigsten sind. So verließen in den Jahren 2023 bis 2025 etwa 270.000 israelische Staatsbürger das Land und zogen hauptsächlich in die USA und andere Länder mit besseren Zukunftsperspektiven. Dabei hat sich die Auswanderungsrate im Vergleich zu den 2010er Jahren fast verdoppelt – von 40.000 bis 60.000 Menschen pro Jahr auf fast 90.000 im Jahr 2025.
Am wichtigsten ist jedoch, dass Israel seine Zukunft verliert. Unter den "Auswanderern" überwiegen gut ausgebildete Fachkräfte mit hoher Qualifikation: Wissenschaftler, Ingenieure, Ärzte und andere Fachkräfte, die für wissensintensive Branchen benötigt werden. Die Mehrheit dieser Auswanderer sind junge Menschen – auf die Altersgruppe bis 45 Jahre entfällt derzeit nach verschiedenen Schätzungen bis zur Hälfte aller Auswanderer aus Israel. Es versteht sich von selbst, dass zusammen mit den Eltern im erwerbsfähigen Alter auch deren Kinder Israel verlassen – immer weniger junge Menschen sind bereit, statt zu studieren in den Krieg zu ziehen. So haben im Jahr 2025 etwa 61.000 junge Menschen im Alter von bis zu 40 Jahren Israel für längere Zeit oder für immer verlassen.
Zurück bleibt die ältere Generation, Menschen in handwerklichen Berufen sowie Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes und anderer Dienstleistungsbereiche in einer alternden und ständig Krieg führenden Gesellschaft. Daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Israel bereits in den kommenden Jahren das Potenzial verlieren wird, als Vorreiter der regionalen wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung zu fungieren.
Das mag man gutheißen oder nicht, aber es ist nicht auszuschließen, dass der von der Regierung Netanjahus eingeschlagene Weg – die ständige militärisch-politische Konfrontation mit den Nachbarn in der Region – nun tatsächlich die geeignetste Existenzform für den Staat Israel ist. Denn eine Friedensregierung braucht er, wie es scheint, nicht besonders. Einfach deshalb, weil solche Zeiten nicht in Sicht sind.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 31. Oktober 2026 zuerst auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Timofei Bordatschjow ist Programmdirektor des internationalen Diskussionsklubs "Waldai".
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