Wirtschaft

EU-Wirtschaft: Warum Chinas technologischer Vorsprung weiter wachsen wird

Pekings Fünfjahresplan zur Entwicklung von Industrie und Technologie droht der EU-Wirtschaft einen noch härteren Schlag zu versetzen. Die EU hat bereits jetzt große Schwierigkeiten, mit den chinesischen Konkurrenten mitzuhalten, und es wird noch schlimmer werden. Außerdem benötigt Europa viel mehr Zeit, um bahnbrechende Technologien zu adaptieren.
EU-Wirtschaft: Warum Chinas technologischer Vorsprung weiter wachsen wird

Von Olga Samofalowa

Der Fünfjahresplan der chinesischen Regierung zielt auf die Modernisierung traditioneller Branchen ab, vor allem der chemischen Industrie, des Maschinenbaus und der Automobilindustrie. In diesen Bereichen liegt die Exportstärke Deutschlands und anderer EU-Länder. Parallel dazu setzt Peking auf Robotik, Biomedizin, Kernfusion, Quantentechnologie und 5G-Kommunikation.

Die Stärkung der industriellen und technologischen Macht Chinas könnte der europäischen Industrie und Wirtschaft schwer schaden und sie weit hinter sich lassen.

Nach Schätzungen von Ökonomen bei Goldman Sachs könnte der zunehmende industrielle und exporttechnische Vorsprung Chinas die Wirtschaft der Eurozone bis Ende 2029 ungefähr 0,6 Prozentpunkte des BIP kosten. Deutschland würde 0,9 Prozentpunkte einbüßen. Besonders gefährdet seien die deutsche und französische Automobilindustrie, der europäische Flugzeughersteller Airbus und das französische Pharmaunternehmen Safran. Dmitri Baranow, leitender Experte bei der Verwaltungsgesellschaft Finam Management, sagt:

"In Europa gehen die Verkaufszahlen lokaler Automarken, einschließlich Elektroautos, bereits zurück, während chinesische Marken den europäischen Autoherstellern Marktanteile in China abnehmen, die für die Europäer von entscheidender Bedeutung waren. Betrachtet man die Perspektive der nächsten Jahre, so könnte sich die europäische Automobilindustrie zu einem Hersteller von Hightech-Marken im Premiumsegment wandeln, während die Massenproduktion von Autos stark zurückgefahren oder ganz eingestellt wird. Chinesische Automarken könnten hingegen in den kommenden Jahren im Massen- und Niedrigpreissegment auf bis zu 20 Prozent wachsen, sofern keine Hindernisse auftreten."

Dies werde in Europa zu einem drastischen Rückgang der Zahl der Werke, der Arbeitsplätze sowie der Finanzergebnisse im Massenmarktsegment führen, wo es für die Europäer bereits jetzt schwierig sei, preislich mit chinesischen Produkten zu konkurrieren, fügt der Experte hinzu.

Warum aber verlieren die Europäer gegen die Chinesen? Erstens sei die Automobilproduktion in Europa deutlich teurer als in China – aufgrund hoher Energiekosten, hoher Löhne und strenger Umweltvorschriften. Auf der anderen Seite sei der Produktionsumfang bei chinesischen Automobilunternehmen größer, sie verfügten über billige Arbeitskräfte, niedrige logistische Kosten innerhalb des Landes sowie staatliche Unterstützung und Subventionen, bemerkt Baranow.

Was die Konkurrenz zu Airbus angehe, so würden chinesische Fluggesellschaften, sollte die Volksrepublik China zu einem vollwertigen Konkurrenten werden, ihre Flotte auf chinesische Flugzeuge umstellen, was die Nachfrage nach Flugzeugen anderer Hersteller senken und deren Gewinne schmälern werde, erklärt der Experte.

Seiner Meinung nach könnte China den Kauf chinesischer Flugzeuge gesetzlich fördern und zudem den Zugang von Ausländern zu kritischen Komponenten, Ausrüstung und Rohstoffen einschränken. Langfristig könnte die Volksrepublik damit beginnen, ihre Flugzeuge zu niedrigeren Preisen in Entwicklungsländer zu exportieren.

Ein weiteres Problem der EU sei, dass sie im technologischen Bereich bereits weit hinter China zurückliege. Olga Ponomarjowa, Expertin der Stiftung für Wirtschaftspolitik des Gaidar-Instituts, meint:

"Das Hauptproblem der EU im Bereich der technologischen Entwicklung liegt nicht in den Produktionskosten oder einer schwachen akademischen und wissenschaftlich-technischen Basis, sondern in der langsamen Einführung von Innovationen. Jüngste Untersuchungen der europäischen Denkfabrik Bruegel haben gezeigt, dass China und die USA durchschnittlich zwei bis vier Monate benötigen, um bahnbrechende Technologien zu adaptieren. Europa hingegen übernimmt ausländische Technologien oder führt eigene Entwicklungen drei- bis achtmal langsamer ein. Dies ist ein systemisches Hindernis für alle Technologiebereiche."

Und in welchen Hightech-Bereichen ist die Position Europas sowohl heute als auch in fünf Jahren am anfälligsten? Ponomarjowa sagt:

"Erstens sind es die Produktion von Halbleitern und Mikrochips. Hier ist es für die EU sehr schwierig, mit China zu konkurrieren, das bis zu 80 Prozent der bahnbrechenden Innovationen in der Chip-Produktion, bei Speichertechnologien und Displays hervorbringt. Zwar behält Europa in einzelnen Nischen (zum Beispiel in der Optoelektronik und bei den Photonenchips) seine Überlegenheit, doch im Segment der Massenproduktion und der damit verbundenen Innovationen ist die Dominanz der Volksrepublik China erdrückend."

An zweiter Stelle stehe die angewandte künstliche Intelligenz (KI). Die Expertin hebt hervor:

"Die EU hat wahrscheinlich bereits den Zeitpunkt verpasst, um im Bereich der praktischen Umsetzung der künstlichen Intelligenz zu konkurrieren. China hat die USA und erst recht Europa in den Bereichen Robotik, Luftverkehr, Biometrie und Telekommunikation bereits überholt und ist für 46 Prozent der bahnbrechenden Innovationen im Bereich Computer Vision verantwortlich."

Drittens wäre da noch die Quantenkommunikation. Ponomarjowa betont:

"Obwohl die USA im Bereich des Quantencomputings insgesamt führend sind, hat sich China auf bestimmte Nischen spezialisiert – Quantenkryptografie und -kommunikation – und liefert fast die Hälfte der weltweiten bahnbrechenden Innovationen."

Die technologische Entwicklung der Volksrepublik werde durch massive staatliche Unterstützung in Form von direkten Subventionen und günstigen Kreditbedingungen staatlicher Banken gefördert, dazu komme natürlich der Zugang zu Energie. Ponomarjowa hebt hervor:

"Energie ist für die Entwicklung der KI-Wirtschaft von entscheidender Bedeutung. In dieser Hinsicht befindet sich China im Vergleich zur EU in einer weitaus günstigeren Lage, denn Chinas Importe sind relativ stark diversifiziert, das Land verfügt über solide Energiereserven und arbeitet bei der Lieferung von Energiegütern zu Vorzugspreisen mit sanktionierten Ländern wie Russland und Iran zusammen."

Einer der Fehler der EU sei der Verzicht auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland und dessen günstigen Energieressourcen, was letztlich zum Beginn der Deindustrialisierung der europäischen Industrie geführt habe. China hingegen beziehe all diese günstigen Ressourcen aus Russland. Ekaterina Nowikowa, Dozentin am Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie der Russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität, erklärt:

"Die russischen Verbraucher haben sich aufgrund der Qualität stets für Produkte europäischer Marken entschieden. Darüber hinaus wurden viele Luxusartikel in Europa speziell für den russischen Markt hergestellt. Durch die Sanktionen hat sich Europa selbst den Weg zur technologischen Entwicklung und zum Aufstieg auf eine neue Ebene gemeinsam mit den USA und China versperrt. China hingegen konnte in den russischen Markt vordringen und sich billige russische Ressourcen sichern, was der chinesischen Wirtschaft einen Vorsprung gegenüber den europäischen Märkten verschaffte. Dies gilt sowohl für den Automobilbau als auch für die Pharmaindustrie, den Flugzeugbau und andere technologische Nischen, in denen neben Technologien auch personelle und natürliche Ressourcen benötigt werden."

Ihrer Meinung nach werde der Wettbewerb zwischen dem chinesischen und dem US-amerikanischen Markt auch in Zukunft bestehen bleiben, während sich Europa mit geringen Mengen nach dem Restprinzip begnügen müsse.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 10. Mai 2026 auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung "Wsgljad".

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