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Chinesische Experten: Ukraine-Konflikt zeigt Krise westlicher Expansion

Chinesischen Experten zufolge spiegelt der Ukraine-Konflikt die Expansionskrise eines zwiespältigen Westens wider. Der Westen könne nur Gleichartiges akzeptieren – alles Andersartige versuche er entweder zu assimilieren oder betrachte es als Feind, den es zu beseitigen gelte.
Chinesische Experten: Ukraine-Konflikt zeigt Krise westlicher ExpansionQuelle: Legion-media.ru

Eine Analyse von Wang Yiwei und Liao Huang

Auf den ersten Blick könnte der eskalierte Konflikt in der Ukraine von außen betrachtet als Ergebnis einer Konfrontation zwischen Moskau und Kiew erscheinen – doch bei genauerer Analyse spiegelt er eine "Krise der Expansion der westlichen Zivilisation" wider. Darüber schreiben in einem gemeinsamen Artikel für die Global Times die beiden chinesischen Experten Wang Yiwei (stellvertretender Direktor von Xi Jinpings Akademie der Ideen zum Sozialismus an der Renmin-Universität) und Liao Huang (Doktorand am Institut für Internationale Angelegenheiten an der Renmin-Universität).

Ihrer Meinung nach ist die gegenwärtige Verschärfung der Krise auf die "inhärente Dualität der westlichen Zivilisation" zurückzuführen. Das Problem bestehe darin, dass der Westen nur die Existenz seiner Gleichartigkeit akzeptieren könne – und alles Andersartige versuche er entweder zu assimilieren oder betrachte es als Feind, den es zu beseitigen gilt, erklären die Autoren.

Sie vermuten, dass der Grund, weshalb Russland im Westen am häufigsten als Rivale dargestellt wird, sowohl in seiner traditionellen Orthodoxie liegen könnte als auch in seiner ehemaligen kommunistischen Ideologie, seiner multinationalen Einheit und seinem riesigen geografischen Gebiet. "Dies alles lässt den Westen spüren, dass Russland nicht assimiliert werden kann. Im Ergebnis meint der Westen, Russland nur als Feind wahrnehmen zu können."

Dabei bestehe die Absurdität des dualen Ansatzes der westlichen Zivilisation darin, dass ihr "Standard der Homogenität" ziemlich wandelbar sei, wobei das Bedürfnis der Suche nach "Feinden" ihr ständig innewohne – was letztendlich zu Konflikten führe, so die Experten. Ursprünglich sei das Nordatlantische Bündnis als militärische Organisation zur Bekämpfung der Sowjetunion gegründet worden, aber auch mit dem Ziel, das Vordringen der Amerikaner nach Europa zu verhindern und die Deutschen niederzuhalten.

Allerdings nehme die NATO auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer weitere Staaten auf, obwohl die ursprüngliche Daseinsberechtigung dieses Militärbündnisses verschwunden sei, wie die chinesischen Experten betonen. Russland bewerte eine solche Politik als "Provokation" und sei wegen der unaufhörlichen Osterweiterung der NATO zu einem Feind der USA und des Westens im Allgemeinen geworden.

Zugleich habe das Land seit dem Zusammenbruch der UdSSR eine Reihe demokratischer Reformen durchgeführt und Anstrengungen unternommen, sein Image auf der Weltbühne zu verbessern, um die NATO daran zu hindern, es offen als Feind zu behandeln. Doch ohne einen konkreten "imaginären Feind" sei es schwierig, die Einheit innerhalb der NATO und den Einfluss nach außen aufrechtzuerhalten – deshalb spiele der eskalierende Konflikt um die Ukraine der NATO-Führung zweifelsohne in die Hände, so die Autoren.

Sie erinnern daran, dass der logische "Ausgangspunkt" der gesamten westlichen Theorie der internationalen Beziehungen im historischen Dreißigjährigen Krieg liegt, als im Zeitraum von 1618 bis 1648 mehrere militärische Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen protestantischen und katholischen Ländern stattfanden und das Prinzip der staatlichen Souveränität in Europa entstand – das Westfälische System. Jedoch werde dieses System aus der Sicht der Geschichte internationaler Beziehungen und der Weltgeschichte unterschiedlich bewertet.

Studien zur Weltgeschichte würden zeigen, dass die verbreitete Ansicht, der Westfälische Vertrag habe zum Frieden in Europa beigetragen, indem er die Religion aus der Politik ausschloss, ein Trugschluss ist. "Obwohl der Westfälische Vertrag schließlich zur Säkularisierung führte, war er kein vollständig säkularer Vertrag", heißt es im Artikel.

In der Theorie der internationalen Beziehungen werde der Westfälische Vertrag traditionell positiv bewertet, ohne dessen christliche Einflüsse überhaupt zu erwähnen. Das liege daran, dass die Theorie der internationalen Beziehungen ein Produkt der Ausbreitung der christlichen Zivilisation wurde: "Das Abendland stand eine Zeit lang wenig oder gar keinem religiösen Gegner gegenüber und war nur mit der Übertragung von Macht innerhalb der christlichen Welt konfrontiert."

Allerdings brachte der amerikanische Gelehrte Samuel Huntington nach dem Ende des Kalten Krieges die Theorie des Kampfes der Kulturen auf, in der er die Renaissance der konfuzianischen und islamischen Zivilisationen als Bedrohung für die christlich-westliche Zivilisation ansieht. "Es ist durchaus möglich, dass die westliche Zivilisation aufgrund ihres ständigen Bedarfs an Feinden in Zukunft einen Konflikt nach dem anderen auslösen wird", warnen die Experten.

Im Einzelnen seien es die Vereinigten Staaten mit ihren Traditionen des "protestantischen Fundamentalismus und der weißen Vorherrschaft", mit der Logik der wahllosen Expansion des Kapitals und der Anbetung der Technologie, die ständig neue Spaltungen fördern und die Krisen verschärfen, indem sie das Narrativ "Demokratie gegen Autokratie" aufrechterhalten – anstatt zu versuchen, ihr System zu reformieren und sich an die zuvor ungeahnten Veränderungen auf der Weltbühne anzupassen, schreiben die Autoren.

Doch eine Kultur, die von der Schaffung äußerer Feinde lebt und sich nur durch deren Bekämpfung weiterentwickelt, geht am Ende unvermeidlich zu Grunde, warnen die chinesischen Experten. Sie argumentieren, dies lasse sich deutlich an den vielen Kriegen ablesen, die die USA angezettelt oder an denen sie teilgenommen haben, darunter auch der aktuelle Konflikt um die Ukraine.

Übersetzt aus dem Russischen.

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